Kurze Problemfeststellung
abgelegt im Archiv Gesamtmarkt am 19.03.07
So oder so ähnlich beschreiben die Kommentatoren die aktuelle Situation an den Aktienmärkten. Und vielleicht haben sie Recht, obwohl - ehrlich gesagt - suchen die Börsen immer nach einer Richtung. Worin unterscheidet sich die aktuelle Situation von der normalen Unsicherheit und Schwankungen?
Es sieht so aus, dass Ende Februar einige zusätzliche Risiken oder potenzielle Gefahren stärker ins Blickfeld der Börsianer gerieten: Wir hatten lange mit einer beunruhigenden Entwicklung am US-Immobilienmarkt leben müssen. Aber solange die Preise der Immobilien stiegen, konnten sowohl die beteiligten Unternehmen (bauunternehmen, Hypothekenanbieter, Banken etc.) als auch die Verbraucher recht gut damit leben. Die Gewinne stiegen, die Finanzlage war stabil und der Konsum hielt sich stark. Die Börsianer hatten seit längerem ein Auge auf diese Entwicklung und wussten, dass sie nicht ewig anhalten kann. Viele warnten noch viel früher, dass der Immobilienmarkt kollabieren und Wirtschaft und Börse mit sich ziehen kann. Viele haben infolge dessen einen guten Teil der Kursentwicklungen verpasst.
Seit dem Sommer 2006 mehrten sich endgültig die Zeichen dafür, dass die US-Konjunktur abkühlt, und diese Abkühlung machte sich auch sehr deutlich am Immobilienmarkt bemerkbar. Die erste Reaktion der Börse war - wahrscheinlich für viele - etwas überraschend: die Kurse stiegen in einer beeindruckender Rally. Denn zusammen mit der Konjunkturabkühlung kühlte sich die Lage bei den Rohstoffen (und speziell beim Öl) ab. Somit schwanden die Inflationsgefahr und der Druck auf die Fed, die Zinsen weiter zu erhöhen.
Die Mischung von noch robuster Entwicklung bei den Unternehmensgewinnen, Konsum und abnehmende Inflationsfaktoren bei gleichzeitig vergleichsweise niedriger Bewertung der Aktien, sorgte für die nötige Nachfrage. Parallel, die Immobilien-Crash-Sorgen zeichneten sich als unbegründet ab.
Bis vor kurzem. Seit Ende Februar begannen sich die Meldungen von in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Hypothekenanbietern zu mehren. Gleichzeitig wurden Wirtschaftsdaten unter anderem zum US-BIP-Wachstum nach unten revidiert, sowie eine abnehmende Wachstumsrate der Unternehmensgewinne und der Produktivität konstatiert. Ohne die Immobilien-Krise aber, passen diese immer noch in das Bild des soft landing (eine weiche, vorübergehender Abschwächung der US-Konjunktur, ohne auch in der Nähe von einer Rezession zu geraten).
Die Schwierigkeiten und auch eine Menge Pleiten spielen sich zurzeit in dem Segment der so genannten sub prime mortgages (zweitklassige Hypothekendarlehen). Sie machen nur ein relativ kleiner Teil des US-Immobilienmarktes aus, aber die Auswirkungen, die daraus ausgehen, können weitaus beträchtlich sein.
Ein zweiter Punkt für Besorgnis sind die so genanten Carry Trades, die verantwortlich für eine massive Liquidität gehalten werden, die global überzogene Asset-Aufwertungen oder gar Blasen verursacht. Da die Carry Trades hauptsächlich nach dem Schema günstige Verschuldung in Yen und Anlage zu höheren Zinsen in US-Anlagen funktioniert, richtete sich der Blick nach der Politik der Bank of Japan und dem Wechselkurs des Yen.

Permalink: Kurze Problemfeststellung
Tags: Konjunktur Sorgen Wirtschaft Immobilien Hypotheken Carry Trades USA Japan
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