Die „Begleitungsphase"
August 26th, 2006

In einem früheren Beitrag fiel das Wort "begleiten", bzw. "Begleitungsphase" an der Börse.
Ich möchte es kurz erläutern: der Begriff ist – für einigen wahrscheinlich bekannt – aus der "Terminologie" von andre Kostolany, dem großen Spekulanten und Börsen-Buchautor, entliehen. Damit es etwas anschaulicher wird, sollten wir es im Zusammenhang der typischen zyklischen Bewegung der Aktienkurse sehen, die Kostolany so beschreibt:
Es werden nämlich drei Börsenphasen unterschieden: Korrektur, Begleitung und Übertreibung. Natürlich sprechen wir hier von "typischen", irgendwie "modellhaften" Phasen, die in reiner Form selten vorkommen. Aber, obwohl die Grenzen in der Realität fließend und etwas unklar sein werden, finde ich diese Phasen-Denkweise sehr hilfreich.
Diese Börsenphasen beschreiben eine "volle" zyklische Bewegung der Aktienkurse in einem Bull Market (Hausse) oder in einem Bear Market (Baisse). Ich darf kurz Kostolany zitieren:
"Nehmen wir als Beispiel eine Aufwärtsbewegung nach einer dritten Phase der Abwärtsbewegung. Während der neuen ersten Phase wird der Kurs (der zu tief gefallen war) auf ein Niveau korrigiert, das gewissermaßen realistisch und berechtigt ist. In der zweiten Phase entwickelt sich der Kurs parallel zu den laufenden Ereignissen. Sind sie für den Artikel (oder den Gesamtmarkt) ungünstig, geht der Kurs berechtigterweise wieder zurück. Sind die Ereignisse positiv, begleitet die Notierung sie in einer Aufwärtsbewegung. An einem gewissen Punkt der zweiten Phase besteht nun die Gefahr (kursiv von mir), dass, begünstigt durch weitere positive Ereignisse, automatisch in die dritte Phase übergegangen wird. In dieser Phase des Bullenmarktes springen die Kurse von Stunde zu Stunden in die Höhe. Die Kurse und Stimmungen eskalieren sich gegenseitig. Die gestiegenen Kurse erzeugen eine rosige Stimmung, und diese treibt die Kurse noch weiter in die Höhe."
Andre Kostolany, Geld und Börse, 2000
… und so kommt die Übertreibung, die dann Ausgangspunkt für eine neue Phasenbewegung in die entgegengesetzte Richtung wird.
Eigentlich, verhielte sich die Börse (mehr oder weniger) rational, sollten sich die Kurse die ganze Zeit in der Begleitungsphase befinden, weniger starken Schwankungen ausgesetzt sein und (mehr oder weniger) eine rationale Bewertung der Unternehmen widerspiegeln. Daher ist auch die Notwendigkeit der Extremen eigentlich nur in der menschlichen Psyche (natürlich auch unter massenpsychologischen Aspekten) verankert, die diese "spekulativen Phänomene" verursachen. Nur, dass sie dort verankert ist, macht auch die Erscheinung der Übertreibungen, zwar wenig vorhersehbar, aber unumgänglich.
Natürlich kann keiner behaupten, mit Sicherheit die Märkte verstehen und in der Lage zu sein, die aktuelle Phase genau bestimmen zu können. Ich möchte aber meine Gedanken hierzu mitteilen:
Ich glaube, nach der heftigen Baisse (die mit den großen politischen Unruhen um den Irak-Krieg kulminierte) sahen wir im ersten Jahr (2003) zunächst deutlich die Phase der Korrektur. Der Markt machte einen großen Sprung von dem extrem tiefen auf ein mehr oder weniger realistischeres Niveau. Nehmen wir den amerikanischen S&P 500 als Benchmark, sehen wir, dass der Index danach stetig, aber langsam die (eigentlich sehr) günstige fundamentale Entwicklung begleitet hat. Der Dax hatte hier deutlich mehr Aufholpotenzial und stieg in dieser Zeit prozentual stärker (war aber auch viel stärker vorher gefallen).
Ob nun die Kurse allgemein einer rationalen berechtigten Bewertung etwas hinterherlaufen oder etwas vorausgegangen sind, ist im Moment weniger von Bedeutung. Wenn man sich die Gewinne anschaut, sie auch noch im Verhältnis zu den Kapitalmarktzinsen setzt, erscheinen die Aktien billig. Andere verweisen aber auf den Konjunkturzyklus und schwächere Aussichten für die Zukunft.
Wie auch immer, in diesem Beitrag wollte ich nur über die "Großwetterlage" bzw. die grundsätzliche Positionierung des Marktes auf unser Drei-Phasen-Modell sprechen. Und da sehe ich die aktuelle Entwicklung immer noch deutlich als "Begleitungsphase". Die Kurse haben nie die fundamentalen Zahlen aus den Unternehmen und der Wirtschaft verlassen (Fokus auf die entwickelten Industrienationen). Die Gewinnentwicklung verzeichnete eine noch stärkere Dynamik als die großen Indizes. Und von einem typischen psychologischen Hintergrund, der auf Übertreibung hinweisen würde, habe ich persönlich so gut wie nichts mitgekriegt. Und wenn es ein leichtes Aufkeimen von optimistischer Stimmung in Börsen-Deutschland im Frühjahr gab, mit der "kalten Dusche" seit Mai ist wohl jeder Übertreibungsversuch "ausgebügelt".
Kategorien: Gesamtmarkt



